Warum mein Alltag mit ihrer Kindheit gar nichts zu tun hat!

Es ist einer dieser Tage. Ich habe frei und ich verbringe den Tag mit Lotte. Durch die letzten Arbeitstage ist hier natürlich wieder einiges liegen geblieben, was geputzt, geordnet oder gewaschen werden muss.
Es ist grau. Es regnet. Spielplatz fällt also erstmal flach. Obwohl, das Kind muss ja gelüftet werden. Aber im Regen macht das alles keinen Spaß. Und überhaupt, eigentlich ist das richtiges Sofa-Wetter.
Bevor Lotte geboren wurde, hätte ich mir an solchen Tagen gern mal einen Tag auf dem Sofa mit meinen Lieblingsserien gegönnt. Ich hätte mir etwas provisorisches zu Essen gekocht, nichts außergewöhnliches. Ich hätte den ganzen Tag rumgegammelt und meine Batterien aufgeladen.

Heute habe ich dieses Bedürfnis auch. Aber das geht jetzt nicht mehr. Ich habe hier nun ein Kleinkind sitzen, das will beschäftigt werden. Und dann schwirrt mir da immer dieser Ausspruch im Kopf herum

Dein Alltag ist ihre kindheit

Und schon spüre ich den Druck wieder. Der Haushalt muss erledigt werden, ich will nicht dass meine Tochter in einem dreckigen Umfeld aufwächst. Und ich muss kochen, möglichst gesund und ausgewogen. Sie muss drei volle Tage auf mich verzichten, wenigstens an meinen freien Tagen muss ich doch etwas Schönes mit ihr unternehmen. Ich darf meinen Alltag nicht zu ihrer Kindheit machen. Wenn ich putzen, räumen, einkaufen muss, muss doch das Kind nicht darunter leiden. Sie hat nur diese eine Kindheit und da sollte möglichst viel passieren.

Let them be little.

Wenn ich an meine eigene Kindheit denke, kommen mir eine Menge Gedankenschnipsel in den Kopf: Mit Freunden Wassereis essen, draußen Verstecken spielen, Fußball spielen mit den Jungs, mit der Freundin den ganzen Tag auf dem Bett sitzen und quasseln und lachen, auf dem Spielplatz spielen, sich verkleiden, Kindergeburtstage, Vater-Mutter-Kind spielen und im Sandkasten ganze Städte für die Playmobil-Püppchen und die Matchbox-Autos bauen.

Und dann merke ich, in diesen Erinnerungen spielen Erwachsene irgendwie nur die zweite Geige. Mit meiner Kindheit verbinde ich Freundschaft, Spiel, Lachen, Schürfwunden, und Sommerabende, an denen wir so lange gespielt haben, bis wir die Hand vor unseren Augen kaum mehr gesehen haben.

Liegt es etwa daran, dass meine Eltern nie etwas mit uns unternommen haben? Sie waren arbeiten und es gab sicherlich Alltag. Aber wir waren auch oft schwimmen an den Wochenenden, wir haben Drachen steigen lassen, Lagerfeuer gemacht und wir sind gemeinsam in den Urlaub gefahren. Das sind jedoch alles Dinge, die außer der Reihe passiert sind, die etwas Besonderes waren.

Und vielleicht machen genau solche Tage, an denen einfach nichts passiert, diese Dinge so besonders.

Kindheit und die Momente die sie ausmachen, passieren immer dann, wenn Kinder mit anderen Kindern in Kontakt stehen. Wenn sie sie selbst sein dürfen, völlig im Flow und neue Erfahrungen machen dürfen. Und Kindheit geschieht, wenn Eltern mit ihren Kindern in Beziehung treten. Wenn wir mit ihnen außerordentliche Dinge unternehmen und sie zum staunen bringen.

Aber kann das wirklich an 365 Tagen im Jahr geschehen? Nein, denn dann wäre es nichts besonderes mehr.

Und deswegen gönne ich mir heute den Tag. Wir werden uns den ganzen Tag nicht aus der Tür bewegen. Wir werden in der Schlafanzughose unsere Nudeln mit Tomatensoße genießen und ich werde mir den Fernseher für eine Weile einschalten, solange Lotte mit ihrem Duplo, ihren Schleichtieren, ihrem Stapelturm, ihren Buntstiften und dem Puppenwagen beschäftigt ist.

Und während ich mir eine Sendung anschaue, das Kind mir zu Füßen sitzt und im Spiel versinkt, kann ich genüsslich meinen Kaffee genießen und die Batterien aufladen. Ganz ohne schlechtes Gewissen.

Und wenn sie dann mit ihrem Büchlein kommt und zu mir auf das Sofa will, dann mach ich Platz, setze sie neben mir und wir schlüpfen gemeinsam unter die Decke. Sie legt ihren Kopf an meine Schultern und ich blättere in dem Buch in dem der kleine Paul seine Mama fragt:

Was machen wir heute

Und meine Antwortet lautet:

Gar nichts! Wir machen heute einfach mal gar nichts!

Ähnliche Artikel

12 Kommentare

  1. Wunderbar geschrieben. So einen Tag brauchen wir auch manchmal. Nur würde mein Kind niemals so schön spielen, während ich fernsehe. Sobald die Flimmerkiste läuft, sitzt Luise wie hypnotisiert davor…

    • Hallo Sabrina,
      vielen Dank für deine Rückmeldung. Lotte ist erst 15 Monate alt. Selbst wenn wir Miffy im Fernsehen schauen, schafft sie keine 10 Minuten, danach wird es uninteressant. Wir versuchen hier aber auch eigentlich immer erst am Abend den TV einzuschalten, wenn sie im Bett ist.
      Aber schön, dass du diese Tage auch kennst. Hast du dann ein schlechtes Gewissen?
      LG Sarah

  2. Ich kenne diese Tage auch ;).. aber leider bleiben bei mir die Momente der ruhe komplett aus, weil meine Maus immer beschäftigt werden will. Aber wenn ich mich dann doch hinsetzte und sie mal sich selbst überlasse, dann kommt irgendwo doch ein schlechtes gewissen her. Ich versuche dann immer runterzuspielen indem ich mir sage, das wir ja am Nachmittag noch rausgehen zum Spielplatz und sie ihre Freundin zum spielen trifft ;)

    Liebe Grüße Sandra

    PS meine alessia ist jetzt 2,5Jahre ;)

    • Hallo Sandra,
      wie schön von dir zu hören. Hach ja, Mütter und ihr schlechtes Gewissen. Kenn ich, würd ich am liebsten drauf verzichten.
      Ich finde allerdings das Lotte einfach auch mal mit Langeweile zurecht kommen muss. Ich bin auch wichtig und ich kann nur so eine gute Mama sein, wie meine Akkus auch aufgeladen sind. Ich will dass sie das in ein paar Jahren weiß, dass ich auch mal abschalten muss. Besonders weil sich den restlichen Tag sonst meine Welt eh nur um sie dreht. ;) Hast du denn Momente in denen du deine Batterien wieder aufladen kannst? LG Sarah

  3. Ich glaube, dass man in dem Spruch auch etwas ganz anderes sehen kann. Unser Alltag ist für die Kinder oft trotzdem spannend. Zumindest solange sie klein sind. Man muss doch nicht jeden Tag einen Ausflug bieten. Einkaufen gehen und das Kind durch die Regale flitzen lassen, all die bunten Verpackungen ansehen lassen ist doch oft auch aufregend genug. Oder Wäsche waschen. Ich mache gerne aus allem einfach ein Spiel mit Samuel und schwupps ist wieder eine Stunde Regentag vorüber, er ist danach glücklich und beschäftigt sich allein während ich ausspannen kann. Chacka!!!

    • Hallo Jasmin,
      da hast du vollkommen Recht -wenn man es von der Perspektive betrachtet. So mache ich es auch oft. Mir ging es jedoch eher um das schlechte Gewissen, das ich manchmal habe, wenn ich einfach mal nur den Akku aufladen muss. Gerade in der jetzigen Zeit in der ich unbeweglich und schwanger bin. Und da fällt mir einfach wieder auf: wir müssen nicht jeden Tag den Alleinunterhalter spielen ;)

      Ganz liebe Grüße,
      Sarah

  4. So ein toller Beitrag! Du triffst es so gut auf den Punkt. Wir denken immer wir müssten unseren Kindern wer weiß was für ein Programm bieten, aber diese langsamen Tage sind doch auch schön. Das Kuscheln, das einfach mal in den Tag leben, keine Pläne, keine Termine, kein Zeitdruck. Einfach machen was man will, wann mal will. Solche Tage muss man sich bewahren. Das sehe ich genauso wie du!

  5. Sehe es genau so wie du. Als Mama bin ich auch noch Mensch und brauche nun einmal Zeit für mich!!! Nur dann bin ich glücklich und nur dann kann ich meinem Sohn, der jetzt im März 3 wird, eine gute Mama sein. Ich sehe heute mehr und mehr Kinder, die es nie gelernt haben, sich auch einfach mal alleine zu beschäftigen und auch noch mit 8 Jahren rund um die Uhr bespaßt werden wollen. Gerade das finde ich nicht gut und nicht richtig. Meine Geschwister und ich konnten uns wunderbar alleine beschäftigen und haben unserer Fantasie und Kreativität freien Lauf gelassen. Und gerade die seltenen Momente, in denen wir etwas Schönes mit meinen Eltern unternommen haben, darf ich bis heute als wunderbare Erinnerungen in meinem Herzen halten. Ich empfinde es ehrlich gesagt auch als eine Art „Verwöhnen“ und „Verziehen“, wenn man dem Kind tagtäglich und rund um die Uhr den Entertainer vorspielt. Solche Eltern sehen sich irgendwann nur noch als Eltern und nicht als eigene Persönlichkeiten mit eigenen Bedürfnissen. Das kann eines Tages in Depressionen enden und auch zu Scheidungen führen, da solche Elternpaare oft keine anderen Themen mehr haben als ihre Kinder. Das habe ich leider schon häufig beobachten müssen.
    Mein Sohn hilft mir so unheimlich gerne beim Staubsaugen, bei der Wäsche, beim Kochen – er ist dann wirklich glücklich und wir erleben solche Momente als schöne gemeinsame Zeit miteinander.
    Außerdem bist du schwanger – so wie auch ich ;-) – und in dieser Zeit sollte sich das schlechte Gewissen sowieso nicht melden! Du hast meiner Ansicht nach dein wohl verdientes Recht auf Entspannung :-)
    LG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.