Outtakes: So sperren wir die Phantasie unserer Kinder in kleine Boxen

Phantasie_von_Kindern_fördern

Vor einigen Wochen habe ich auf Instagram ein Bild gepostet: Einen Klecks Play-Doh-Knete in unterschiedlichen Farben – zu einem Klumpen vermatscht. Warum ich wegen diesem Bild belächelt wurde und wieso wir Erwachsene unsere Kinder immer wieder in unser System pressen, darüber habe ich mir mal Gedanken gemacht.

Vor ein paar Wochen sollten Lotte und ich mal wieder zum Jeugdgeszondheidszorg Consultatiebureau.

Es ist hier in den Niederlanden eine Art Beratungsstelle für Eltern und Kinder von 0 bis 4 Jahren, bei der die gesundheitliche Fürsorge für die Kinder regelmäßig unter die Lupe genommen wird. Die Ärzte, Krankenschwester, oder Sozialpädagogen beraten die Eltern bei erzieherischen Fragen und untersuchen die Entwicklung des Kindes.

Bei dieser Untersuchung sollte Lotte zeigen, was sie bereits alles kann. Ich sehe solche Untersuchungen ja eigentlich immer etwas kritisch, weil ich einfach finde, dass die Kids damit in eine Durchschnittsschublade gesteckt werden.
Da ich aber eine ziemlich entspannte Haltung zu diesem Thema habe und ich mich nicht verrückt machen lasse, wenn Lotte eben in dieser oder jenen Übung noch nicht so fit ist, wie das Durchschnittskind, habe ich diese Untersuchung mit Lotte absolviert und meine Kritik an diesem System einfach mal für mich behalten.

Das Sortier-Spiel

Als Lotte jedoch bei einem Sortierspiel den Holzstein in Kreuzform durch die quadratische Öffnung presste und die Dame ihr sagte, dass das die falsche Öffnung gewesen sei, musste ich grinsen.
Während die Dame also das Kreuzchen wieder aus dem Würfel fischte und Lotte anwies es noch einmal zu tun, kam mir das Ganze plötzlich ziemlich dämlich vor.
Lotte schaute mich fragend an. Wahrscheinlich fragte sie sich, ebenso wie ich, warum sie den Holzstein noch einmal durch eine Öffnung drücken sollte – es hatte doch beim ersten Mal geklappt.

Ich lächelte die Dame an und sagte: „Sie ist halt kreativ in ihren Lösungswegen!“, nahm den nächsten Stein und bot Lotte an, es doch einmal mit diesem Stein zu versuchen. Wir fuhren nach Hause und ich dachte nicht weiter über diese Situation nach.

Die Knet-Situation

Vor ein paar Tagen, es regnete mal wieder in Strömen und ich war wirklich froh, dass Lotte keine Lust hatte raus zu gehen, machten wir Mädels es uns am Esstisch gemütlich. Wir malten, bastelten und spielten mit Knete.

Lotte hatte zu Weihnachten ein riesiges Set Play-Doh Knete geschenkt bekommen. 20 kunterbunte Farben, alle in eigenen kleinen Töpfchen verstaut. Lotte suchte sich drei Farben aus und ich half ihr dabei die Deckel zu öffnen.

Wir rollten Kügelchen, schnitten kleine Stücke ab, und bauten Türme.
Aus verschiedenen Farben. Alle ineinander. Vermixt. Schnappatmung mütterlicherseits!

Play-doh-knete-Phantasie-von-Kindern-förden

Die schöne Knete! Die tollen Farben! Noch ein paar Knet-Sessions mehr und aus den bunten Farben wird braun. Kack-Braun! Mimimimimi

Die Pädagogin in mir sagt in solchen Situationen dann: Mein Gott, reg dich nicht auf. Lass das Kind kreativ sein!
Aber irgendwie hallt in mir eine fremde erwachsene Stimme im Kopf die sagt: immer nur eine Farbe. Blau zu blau, grün zu grün! Die Knete ist teuer!
Ich habe keine Ahnung, wem diese Stimme gehört und es ist eigentlich auch egal. Fakt ist, diese Vernunftsstimme ist unkreativ, unförderlich und drückt mir selbst und meinem Kind ein System auf, dass Hemmungen schafft.

Und weil die Pädagogin in mir mit der Vernunftsstimme stritt, kam mir das Ganze wieder unheimlich blöde vor. Ich machte ein Foto von Lottes Farbenmix und lud es bei Instagram hoch.

Wenn dir das Kind den Spiegel vor hält

Die Reaktionen waren lieb, aber ich fühlte mich, zu Recht, belächelt. Und während ich mich versuchte zu erklären, knete Lotte lustig weiter drauf los. Irgendwann beobachtete ich sie, wie sie mit voller Hingabe die Farben in einander knetete. Absolut im Flow, hochkonzentriert und frei von irgendwelchen Systemen. Ich beneidete sie. Sie ließ ihrer Kreativität freien Lauf und vermittelte mir das Gefühl: genau so muss das sein! So hab ich mir das ausgedacht! Sie riss mich aus meinen Gedanken, weil sie mir die Fischform in die Hand drückte und mich darum bat, ihr einen Fisch zu machen. Ich zeigte ihr wie dieses Förmchen funktionierte und fertigte einen Knet-Fisch an. Sie fand es erstaunlich und hielt mir den nächsten Knetklumpen hin. Und als ich die beiden Fische so vor mir auf dem Tisch liegen sah, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Play-doh-knete-Phantasie-von-Kindern-förden

Ich liebte den bunten Fisch. Lotte hatte die Farben so toll in einander gemischt und er war so viel besonderer als der Einfarbige.

Ja, der gelbe Fisch, ließ sich später wieder besser verwerten, er war also anpassungsfähiger. Aber der bunte Fisch strotzte nur so vor Kreativität.
Während ich den gelben Fisch ganz leicht duplizieren hätte können, war Lottes marmorierter Fisch so ein Unikat, dass ich die Farbmuster nie wieder so hätte hinbekommen können. Lottes bunter Fisch war Kunst!

Unsere Schubladen

Wie oft erzählen wir Kindern, wie sie etwas tun sollen. Wie wir Erwachsenen es uns ausgedacht, geprüft und für richtig befunden haben. Wir vermitteln den Kindern damit unsere Schubladen und lassen nicht zu, dass sie ihre eigene Kommode schreinern. Wir vermitteln den Kindern, dass diese Form in dieses Loch der Box gehört und hindern sie daran mal „outside-the-box“ zu denken.

Wir zwingen ihnen unsere Denkmuster auf und hindern sie daran, selbst etwas völlig Neues zu erschaffen. Etwas, auf das sie stolz sein können. Etwas, für das es noch keine Anleitung gibt. Für das keine Förmchen oder Muster gelten.

Und so sperren wir die Phantasie unserer Kinder in kleinen Boxen, die wir mit unserer Vernunft aus den Schubladen der Gesellschaft geschustert haben.

Ich habe mir jetzt fest vorgenommen mit Lotte regelmäßig Farben zu mischen. So ganz therapeutisch. Und ich danke ihr jetzt schon, dass sie mir wieder einmal einen Spiegel vorgehalten hat.

Kennt ihr diese Gedanken? Wenn die Vernunft eure Kreativität vertreibt? Wie schafft ihr es, das Kind in euch mal wieder zu kitzeln und einfach mal den angelernten Mustern zu entkommen?

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21 Kommentare

  1. Liebe Sarah,

    wie ich dir schon auf Instagram schrieb, auch ich kenne diese Szene sehr gut aus meinem Alltag. Du hast es sehr schön beschrieben worauf es wirklich ankommt und das ist schön zu lesen.

    Ich drück dich, deine Alina

    • Danke, Alina ;) Ich wünsche mir nur so manches Mal, dass dieser Denkprozess eher einsetzt^^

      Ganz liebe Grüße zurück

  2. Hallo Sarah,
    das ist ein wundervoller Artikel und mir geht es mit all diesen Tests, Schubladen und Gleichmachversuchen ähnlich wie dir…ich mag es nicht und bemühe mich es selbst auch zu vermeiden…immer gelingt es nicht, weil auch bei mir sich manchmal eine kleine Stimme meldet ( vielleicht Überbleibsel meiner eigenen Erziehung?).
    Ich hab auf meinem Blog einen Artikel darüber, wie man die Kreativität der Kinder fördern bzw. erhalten kann…wenn du magst schau mal vorbei…ich freu mich…http://einfach-entspannt-erziehen.com/warum-du-die-kreativitaet-deines-kindes-foerdern-solltest/

    Liebe Grüße
    Steffi

    • Hallo Steffi,

      ja ich gehe davon aus, dass es Überbleibsel aus Schule, Kindergarten oder sogar Zuhause sind. Wichtig ist, dass wir es merken und von da an bewusster steuern. Vielen Dank für den Link, da schaue ich doch mal rein ;)

      Liebe Grüße,

      Sarah

    • Liebe Steffi, liebe Sarah!
      Mir gefällt der Beitrag sehr gut, Kreativität nicht einzuschränken und out-of-the-box zu denken ist so wichtig! Ich glaube aber, dass Tests und dergleichen oft falsch verstanden werden. Da muss ich mich auch selbst immer wieder an der Nase nehmen und mich nicht kritisiert fühlen :) Es geht doch bei Tests/Begutachtungen/Untersuchungen nicht darum, die Kinder gleich zu machen, sondern sie zu schützen. Wenn ein Kind eine oder mehrere Aufgabe (noch) nicht oder anders erfüllt, ist es nicht „durchgefallen“ – ich glaube, DAS ist unsere schubladisierte Denkweise. Es soll doch nur herausgefunden werden, ob ein Kind irgendeinen Bereich hat, in dem man es fördern sollte bzw. in dem es Hilfe braucht, damit später keine schwerwiegenderen Probleme auftreten, oder ob ein Kind (im schlimmsten Fall) vernachlässigt wird. Hat ein Kind beispielsweise Sprachschwierigkeiten kann dies auch daran liegen, dass es schlecht hört. Fällt das auf und wird abgeklärt, kann man dem Kind vieles ersparen/erleichtern.
      Bezüglich Sprachentwicklung könnte die Empfehlung auch lauten, dem Kind vorzulesen, gemeinsam zu singen oder Spiele zu spielen. Es gibt leider immer wieder Kinder, die wenig/keinen Zugang zu Büchern haben.
      Ich denke wirklich, dass sich hier immer die „falschen“ Eltern angesprochen fühlen – nämlich diejenigen, die sich sowieso viele Gedanken (und oft auch Sorgen) machen und dem Kind eh viele Möglichkeiten bieten, sich zu entwickeln.
      Jedes Kind soll so sein dürfen, wie es ist – aber jedes Kind soll auch Hilfe erhalten, wenn die Eltern ihm diese nicht geben (können). Deshalb bemühe ich mich, das locker zu sehen und mein Gefühl einer „Bewertung“ nicht auf meine Kinder zu übertragen. Manchmal gelingt mir das auch schon :)

  3. Ja, solche Situationen kenne ich leider auch. Ich versuche mir dann aber auf die Zunge zubeißen und einfach still zu sein. Klappt natürlich nicht immer. Besonders schlimm finde ich es, wenn die Omas zu Besuch sind und das Kind Maßregeln… Dagegen habe ich leider kein Patentrezept, hoffe aber, dass auch die Omas irgendwann zur Vernunft kommen und das Kind einfach Kind sein lassen ;)…

  4. Hahaha, da Thema hatten wir kürzlich auch: Oma und Papa sind fstverzweifelt wegen der schönen Knete, und ich wolltemich gerade davon einfangen lassen,als ich gesehen habe, wie wundervoll kreativ das Kind knetet. Dazu kommt: dass irgendwnn alles graubraun wird, erfährt sie nur, webbasierte die Erfahrung auch machen darf….
    LG Steffi

    • Hallo Steffi, da hast du vollkommen Recht! Gut dass du dich von dieser Vernunftsschiene nicht hast einlullen lassen ;)

  5. Liebe Sarah, du hast absolut Recht! Wie regen uns immer auf, wenn unsere Kinder kreativ sind und wie Kinder handeln! Aber das ist richtig so! Ihr Leben soll bunt & chaotisch sein! <3

  6. Ein sehr schöner Beitrag! Ich kenn‘ das von mir selbst. Ich bekomme ja schon bei Lego die Krise … und die kann man aber wieder leicht auseinandersortieren. Ich hatte das aber als Kind schon. Irgendwie mochte ich keine bunten Häuser bauen. Mit Knete war’s tatsächlich anders. Ich mochte das Marmormuster. Und die Knete damals ging viel besser für diese Muster.
    Mein Sohn ist da leider auch schon so. Das muss immer alles so sein, wie es sich gehört. Während die Kleine die Kuh halt einfach mal gelb und pink anmalt. Da muss ich mich zusammenreissen und zusätzlich meinen Sohn und meinen Mann davon zurückhalten bissige Bemerkungen zu machen. Denn eigentlich weiß ich ja, dass man sie einfach mal machen lassen sollte.
    LG, Tina

  7. Du hast so recht. Wir Erwachsenen haben unsere oft sogar total unlogischen Ideale, Vorstellungen oder was auch immer. Bei der Knete denke ich jedes Mal so wie du. Ich glaube ich hole heute Nachmittag mal die Knete raus und lass sie einfach machen. Schlimmstenfalls kann ich ja einfach meine Augen zuhalten ;-) Liebe Grüße, Christiane

    • Haha, viel Erfolg beim Wegsehen ;) Ich habe gemerkt, wenn ich selbst mitmache ist es halb so schlimm 😂

  8. Danke für dieses grossartigen Artikel! Ich habe gestern mit meinem 2,5 jährigen Sohn und eben solcher Play-Doh Knete gespielt und die Erwachsene in mir krampfte die Hände zusammen, als er einen bunten Kuchen aus vielen verschiedenen Farben buk. Einmal tief durchatmen und ich hatte wirklich Mühe dabei mich zurückzunehmen, um ihm nicht zu erklären immer nur eine Farbe zu nehmen. Aber genau so wie du es beschreibst: dieser bunte Kuchen sah so toll aus, eben weil er bunt war und nicht nur aus einer Farbe. Und der Stolz in seinen Augen, als er ihn mir schenkte, trieb mir die Tränen in die Augen. Es war so ehrlich und aufrichtig und er war so stolz auf diesen Regenbogenkuchen, dass er mir damit etwas wertvolles gelehrt hat: Als Erwachsener kommt man schwer aus seinen eingefahrenen Vorstellungen heraus, aber Kinder können einem dabei helfen – wenn man es zulässt! <3

  9. Oh man Sarah, hab ich hier grade gelacht! Volle Lotte erstappt. Ja auch hier hatten wir schon des Öfteren diese Knet-Situation und ganz am Anfang versuchte ich das auch zu unterbinden, bis auch mir ein Licht aufging ;o) Es ist schon verrückt wie versteift wir manchmal sind und das uns da dann unsere Kinder rausbringen ist doch wirklich genial!
    Ein toller Text, danke :o)

    Liebe Grüße,
    Sandy

  10. Was für ein toller Beitrag! Da hast du Recht! Je älter die Kinder werden, desto weniger dürfen sie sich frei entfalten. Mit zwei malen sie einen Strich, erklären: Das ist eine Elefant und wir feiern sie. Wenn sie später etwas auf ihre Art und Weise tun, dann werden sie immer weniger gefeiert, wenn es nicht dem aktuellen „IST“ entspricht. Schade!

  11. Ich sehe das genau wie du und finde es schön, dass du genau dieses Thema mal zu „Papier“ gebracht hast. Ein wirklich toller Text, der zum nachdenken anregt!

  12. Huhu. Sehr guter Artikel! Ich lese gerade das neue Buch von Gerald Hüther „Rettet das Spiel“. Kann ich dir zu diesem Thema sehr ans Herz legen! Lieben Gruß Janine

  13. Oh wei – nun fühle ich mich ertappt. Ich bin da auch sehr pedantisch und gerade die neue Knete liegt mir noch am Herzen… ich empfinde die absolut gemischte Knete bei Opa immer als graus… Aber die Motte liebt ihren Graus….

  14. Jessica Schonk

    Oh wei – nun fühle ich mich ertappt. Ich bin da auch sehr pedantisch und gerade die neue Knete liegt mir noch am Herzen… ich empfinde die absolut gemischte Knete bei Opa immer als graus… Aber die Motte liebt ihren Graus….

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