Outtakes: Kein Verständnis für Trotz-Kinder

Diese Trotzphase, oder besser Autonomiephase, ist ja so eine Sache: Sie erscheint ja eigentlich unter den Top 3 Eltern-Problem-Phasen in jedem Ratgeber. Dicht gefolgt von den 3-Monats-Koliken und der Pubertät. Dass es schwierig wird, war mir klar. Ich hatte mir die Ärmel an Lottes 2. Geburtstag bereits hochgekrempelt und mich mental drauf vorbereitet. Heute sind wir direkt im Auge des Terrible-Two-Twisters und die meiste Zeit tue ich mir einfach selber Leid. Wenn da nicht noch diese andere Seite wäre…

Im Stop-und-Go-Tempo irren wir durch die Gänge im Supermarkt. Wobei die Go-Phase eher einem Hinterher-Hechten gleicht – immer wenn du gerade wieder irgend etwas gesehen hast, was du unbedingt genauer unter die Lupe nehmen möchtest.
Gestoppt wird dann sehr ausführlich. Du schaust dir diese Maccaroni-Schachtel ganz genau an. Wahrscheinlich studierst du die Zutatenliste. Ich warte. Und warte. Und ich warte. Und ich atme. Tief ein und aus. Mantra-artig rufe ich mir ins Gedächtnis, wie wichtig diese Phase für dich ist. Ich versuche das positive zu sehen: so ein neugieriges Kind.

Kleinkind Autonomiephase Trotzphase

Ich schaue auf den gefrorenen Spinat im Einkaufswagen und atme nochmal tief. Du bist bereits zu den passierten Tomaten vorgedrungen. Du blickst nicht einmal über deine Schultern, so sicher bist du dir, dass ich hier auf dich warte.

Ich rufe dich. Du drehst dich beim zweiten Mal um. Kurz. Denn da wartet ja noch ein Glas Pesto auf dich.

Ich werde ungeduldig und schiebe dem Spinat die Verantwortung zu. Der Arme schmilzt und sehnt sich nach unserem Tiefkühlfach. Ich rufe dich nochmal und sage, dass wir weiter müssen.

„NEIN!“ schallt es mir entgegen.

„Oh, da hat aber jemand Pfeffer im Hintern!“ erklärt eine vorbeilaufende Frau mit dem typischen Limburger-Akzent in ihrem niederländisch.
Sie trägt einen dicken Wintermantel und ein süffisantes Lächeln auf den Lippen, während sie ihren Gang reduziert, um sich von unserem Drama scheinbar unterhalten zu lassen. Ich überlege, ob ich ihr einen Stuhl holen soll. Erfahrungsgemäß können ältere Frauen nicht lange stehen und diese Vorstellung hier könnte ein bisschen dauern.

Ich hole tief Luft und gehe auf meine Tochter zu. Ich komme gerade noch rechtzeitig, denn sie prüft die Stabilität der Tüte mit Bandnudeln gerade auf Herz und Nieren. Ich sage ihr, dass sie die Tüte bitte weglegen soll. Sie tut es. Strike! Eins zu Null für Mami!
Aber den Triumph gönnt sie mir nicht. Auf die dringliche Einladung, nun mit mir zur Kasse zu kommen, fliegt mir nämlich ein Blick zu, der mich scheinbar mit ganzer Wut treffen soll. Begleitet wird er von einem NEIN, das ein Feldmarschall nicht besser beherrschen könnte.

Ich blicke auf den Spinat, der mich nach einem drastischen Temperaturabfall anfleht – non-verbal versteht sich – und ich schnappe mir die 2jährige, wehre ihre Strampelei gekonnt ab und klemme sie mir zwischen Arm und Babybauch.

Die Frau auf den billigen Plätzen, in der ersten Reihe, schaut mich aus der Entfernung mitleidig an. „Das ist wirklich ein schwieriges Alter, mein Beileid!“, sagt sie und drückt mir ein Lächeln zwischen ihre Lippen, als ich mit dem vollen Einkaufswagen und dem weinenden Kind auf dem Arm an ihr vorbei gehe.

Vermutlich soll ich mich jetzt besser fühlen. Das Mitleid und das Verständnis für diese Phase ist mir von anderen Müttern wohl sicher. Sie verstehen wie schwer ich es habe. Ich muss mich also für dieses trotzige Kind nicht genieren. Die sind eben so. Arme Mama, irgendwann ist auch diese Phase vorbei.

Ich fühle mich aber nicht besser. Ich bin genervt, denn diese Auseinandersetzung ist an diesem Tag nicht die Erste. Ich bin gestresst, weil ich die Bedürfnisse des Spinats nicht übergehen konnte und weil ich einfach keinen Bock mehr hatte zu warten. Da bin ich dann wohl mal trotzig!

Kleinkind Autonomiephase Trotzphase

Dicke Tränen schluchzt du mir entgegen. Dieses Pasta-Regal schien dir echt am Herzen gelegen zu haben. Du bist frustriert, denn es ist nicht die erste Auseinandersetzung die wir heute hatten. Du bist gestresst, weil ich den Spinat über deine Bedürfnisse gestellt habe. Und weil du wieder nicht entscheiden konntest.

Heute Morgen haben wir gekuschelt. Wir haben ein Buch im Bett gemeinsam angesehen. Aber als du aufstehen und ins Wohnzimmer hinunter wolltest, hab ich dir ein „Gleich, Mama muss nur noch eben das Bett machen!“ entgegnet. Durch das angebrachte Treppengitter hattest du leider keine Chance schon einmal vorzugehen.

Ich musste dann natürlich auch noch deine Anziehsachen heraussuchen. Wohl mit dir gemeinsam. Ich bestand darauf, dass du dir eine Hose, Socken und einen Pullover heraussuchst. Du konntest ja frei entscheiden was du auswählst. Du wolltest aber lieber ins Wohnzimmer. Du wolltest nicht diese oder die andere Hose. Du wolltest gar nichts anziehen. Dass das im Winter nicht geht verstehst du noch nicht.

Unten im Wohnzimmer wolltest du dann direkt fernsehen. Weil ich dich dann jedoch so schlecht wieder an den Frühstückstisch bekomme, habe ich dir erklärt, dass wir erst frühstücken wollen. Wir – du wolltest fernsehen.

Nach einem kurzen, herzzerreißenden Drama hast du mir dann sogar letztendlich geholfen den Tisch zu decken. So schnell kannst du verzeihen.

Als du eher mit dem Essen fertig warst als ich, war es für dich natürlich völlig unverständlich, warum ich erst meinen Kaffee austrinken wollte, bevor ich mit dir spiele. Und auch danach hast du auf mich warten müssen. Der Frühstückstisch räumt sich nicht von allein ab. Woher sollst du das wissen?

Zwischendurch hat dann das blöde Puzzle-Teil nicht in die Öffnung gepasst, obwohl es doch eindeutig da hinein gehört.

Als wir uns dann für den Einkauf-Trip fertig gemacht haben, wolltest du unbedingt deine Gummistiefel anziehen. Ich versuchte dich zu deinen gefütterten Winterschuhen zu überreden. Du hast mich angeschnauzt. Hab ich nicht verstanden was du wolltest? Dass man mir immer alles fünfmal sagen muss!

Ich habe dann eingelenkt und mich mal wieder der Situation so gewachsen gefühlt. Denn ich zog dir einfach ein zweites Paar Socken drüber und ließ dir deine Gummistiefel. Widerwillig hast du dich auf diesen Kuhhandel eingelassen.

Im Auto sitzend halten wir an einer roten Ampel. Wir stehen direkt an deinem Lieblings-Spielplatz, den wir im Sommer oft besucht haben. Enthusiastisch erzählst du mir, dass du dort spielen willst. Ich erkläre dir, dass es zu kalt ist und der Spielplatz wegen dem Eis abgeschlossen ist. Aber von den Sicherheitsvorschriften hast du noch nie gehört und deswegen weinst du dicke Tränen, als wir weiterfahren.

Stattdessen gehen wir einkaufen. Ein riesen Spielplatz bei dem du noch lange nicht an all die Sachen herankommst, die du dir gern genauer anschauen würdest. Mit einem Haufen Dinge, die leider in der verschlossenen Verpackung bleiben müssen, auch wenn du sie so gern probieren wollen würdest.

Und dann bin ich auch noch da. Die Mama, die irgendwann keine Lust mehr hat auf dich zu warten und die dann einfach mal wieder entscheidet wo es lang geht.

Und diese Frau, die Mitleid für mich, deiner Mama, übrig hat, weil ich so sehr unter deiner Phase leiden muss. Weil sie so anstrengend ist. Für mich.

Dass du aber den ganzen Tag gewartet hast, verziehen hast, Kompromisse geschlossen hast, Dinge doch nicht selbst entscheiden konntest und dir gesagt wurde, was du darfst und was nicht, sieht diese Frau leider nicht. Niemand sieht, dass du jeden Tag aufs Neue, immer mal wieder mit den Grenzen der Unmöglichkeiten und den Grenzen deiner Mitmenschen zurecht kommen musst.

Und während wir beide an der Kasse stehen, streiche ich dir die Tränen liebevoll von der Wange und flüstere dir ins Ohr: Arme Lotti! Diese Trotzphase ist nicht einfach, ich weiß das!

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17 Kommentare

  1. Super süße Bilder! <3

    Und die Trotzphase…. Ahhh, ich erlebe sie jeden Tag aufs Neue. Mein Sohn ist nicht nur trotzig, sondern auch extrem temperamentvoll (das hat er von seinem italienischen Vater :)…
    Es wird aber besser.

    Liebe Grüße und einen guten Start in die neue Woche,
    Mihaela

  2. Oh ja, wir sind gerade auch mittendrin in der dieser Phase. Ein ständiger „Konflikt“ zwischen den Abwäge von: „Ich muss geduldiger werden. Das ist genug Geduld. Wir haben es eilig. Einfach mal die Zeit genießen und ihn gewähren lassen. Wir müssen los. Wir haben keine Zeit. Das ist zu laut, zu extrem… und dann: Oder einfach gewähren lassen.“ Sogar bei den Dingen, die ich ihm Gutes tun will, geht der Konflikt weiter. Gebe ich ein Gummibärchen, muss es ein weiteres sein. Ist es das nicht, dann ist hier Alarm und ich „bereue“ in Sachen Stimmung, ihm überhaupt das erste gegeben zu haben. Inzwischen bekommt er alle „guten Dinge“, die beim Aufhören mit Drama verbunden sind mit dem Zusatz: „Schau mal hier, was Schönes für Dich. Aber wenn vorbei, dann vorbei. Aber nicht weinen“  Und lustig erweise klappt das inzwischen sogar und er sagt selbst: Ich habe nicht geweint. Ach, irgendwann ist diese Phase auch vorbei. Ein schöner Text! 

    • Hahaha Jana, deine Gedankengänge sitzen auch immer in solchen Situationen in meinem Kopf. Ich glaube, eigentlich haben wir nie gelernt geduldig zu sein. Oder die Kids reizen es aus 😂
      Ja, die Sache mit dem Ende ist hier auch dramatisch. Eine Ankündigung hilft da meistens (Fernseher aus, Schluss mit dem Spielen, keine Süßigkeiten mehr usw), aber es ist auch kein Patentrezept. Meistens hilft nur atmen 😂

  3. Wow, so viel Liebe und so viel Leben. So viel Verständnis und hach Du machst das ganz ganz ganz toll. Ich kann Dir keinen Multi-Tipp geben, aber ich kann Dir sagen, es wird anders. Spannend anders. Uns psssssst, aber die Kleinkindliche-Trotzphase ist genau so spanend wie die eines Teenagers und doch wird man beide Phasen überstehen. Denn wir lieben sie – unsere Kinder <3

    • Ja ich nenne es auch gern die Kleinkind-Pubertät. Vielleicht wappnet uns das für den großen Sturm ab 13 😂

  4. So wundervoll und treffend auf den Punkt gebracht.

    Ich musste schmunzeln, auch wenn meine beiden inzwischen das Kleinkindalter durch haben und auch die eine oder andere Autonomiephase, wünsche ich sie mir manchmal heute zurück. Es war so viel berechenbarer als das, was aktuell kommt. Und in ein paar Jahren denke ich wahrscheinlich wieder anders darüber.

    Es bleibt spannend und verändert sich immer wieder ein bisschen. Und ab und an denkt man „Ich kann nicht mehr!“… aber die Erinnerungen, die bleiben, sind immer nur die schönen Momente, ohne Trotz.

    Liebe Grüße
    Katharina

    • Ach Katharina, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Ja eigentlich sind die Kids in der Phase sehr berechenbar. Ich kann mich bei bestimmten Topics einfach schon direkt auf Drama einstellen. Hihi, schöne Sichtweise. Danke dafür 😘

  5. Oh liebe Sarah.
    Wie ich sie kenne und hasse.
    Jeden Morgen stehe ich auf und denke mir: Heute handelst du besser. Heute gibtst du dir mehr Mühe und dann? Streiten wir uns wieder. Dann bin ich wieder am Ende meiner Kräfte. Und sehe wieder keinen anderen Ausweg als zu motzen und zu motzen und zu motzen.

    Ich bin Mal gespannt, wie lange das noch so geht.
    Liebste Grüße, Alina

    • Wir sind ja auch nur Menschen und die Reibung zwischen uns und den Kids zeigt ihnen auch, dass wir uns bedingungslos lieben und dass wir echt sind. Ich merke aber auch dass es mir leichter fällt, wenn ich nicht sofort reagiere, sondern zwischendurch erst einmal tief ein und ausatme. Jedenfalls kann ich dich gut verstehen

  6. Christiane

    Ach ja, diese Trotzphase… Aber vielleicht sollten wir auch mal überlegen wie wir reagieren würden, wenn man uns nichts in unserem Tempo fertig machen lässt und wenn man uns ständig warten lassen würde, weil alles andere wichtiger ist. Bei uns wäre es dann nicht die Trotz- sondern die Meckerphase ;-) Liebe Grüße, Christiane

  7. daniela628

    Das mit den „Phasen“ hört irgendwie nie auf, oder? Nena ist jetzt 8 und mit ihr gehts schon steil auf die Pubertät zu :-( eine Phase jagt die nächste und wir Mamis müssen unweigerlich durch jede durch. Manchmal kein einfaches Los.

    • Ja, aber die Kids auch. Ich weiß noch wie oft ich mich unfair behandelt und missverstanden gefühlt habe in der Pubertät. Aber ja, wir müssen uns in alle Phasen hinein denken. Das ist wirklich nicht leicht

  8. Oh meine Liebe, ich weiß wie du dich fühlst. Mein Sohn hatte zum Glück nicht so viel Ausdauer, aber meine Tochter – ganz Mädchen – hat einen solchen Dickschädel :D. Auch schon wieder herrlich, wenn es nicht manchmal so anstrengend wäre ;)

    • Hihi, ja manchmal schaue ich sie an und dann muss ich mich schnell wegdrehen weil diese Beharrlichkeit bei einer Zweijährigen so lustig ist dass ich mir das Grinsen nicht verkneifen kann. Aber oft finde ich meinen eigenen Dickkopf auch in ihr wieder. Von irgendwem muss sie es ja haben ;)

  9. Wow. Das ist echt total schön geschrieben.
    Ich kann mir das genau im Kopf vorstellen, wie das abgelaufen ist.
    Super geschrieben!
    Auf die Phase freu ich mich schon xD Mal sehen, wie ich das meistere haha

    XO Samy

    • Danke Samy ;) Du wuppst das schon – so wie alle. Da muss man eben durch, ob man will oder nicht. Und die Kids übrigens auch 😉 Liebe Grüße

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