Outtakes: Das Zweitgeborene – ein Kind zweiter Klasse?

„Das Schöne an der zweiten Schwangerschaft ist ja, dass du nicht mehr viel benötigst für das neue Baby. Du hast ja das meiste noch von deiner Ältesten da.“ Ich schaue meine Bekannte an und nicke stumm. Ich rühre kurz gedankenverloren in meinem Cappuccino umher und schaue herüber zu meiner Tochter, die gerade in der Spielecke sitzt und mit der älteren Tochter meiner Bekannten Bilder malt. Es ist nicht das erste Mal, dass dieser Satz großes Unbehagen in mir auslöst. Genau genommen verfolgt er mich schon, als ich das erste Mal Lottes Babysachen aussortiert und für das kommende Baby in Kartons auf dem Dachboden verfrachtet habe.

Wir brauchen nichts, wir haben ja alles

Sag mal, hast du jetzt eigentlich mal eine Liste gemacht, was ihr für das neue Baby noch alles benötigt? Viel ist es ja nicht, jetzt wo ihr wisst, dass es ein Mädchen wird.“ sagt meine Mama, während sie an meinem Esstisch sitzt und sich gerade davon erholt, unter meiner Anleitung meinen Nestbautrieb auszuleben.
„Naja, also alles brauchen wir nicht neu, aber es sind viele Kleinigkeiten die noch fehlen!“ sage ich leicht pampig. Was denn zum Beispiel, will sie wissen. Ja, was denn eigentlich?

Wir haben auf dem Dachboden noch unzählige Babysachen. Viele davon sind wirklich noch schön und können durch das Babygirl sicher super aufgetragen werden.
Wir haben den Babysafe, der zwar ein paar Schrammen abbekommen hat (unterschätze nie, was ein Babysafe mit Baby so wiegt, wenn du ihn versuchst durch die engen Treppenhäuser zu hiefen!), aber er sieht sonst noch gut aus und kann weiter verwendet werden.
Und wir haben noch Unmengen an Babyspielzeug hier liegen. Alles so gut wie neu, denn außer ansabbern machen die Kleinsten ja nicht viel damit.

Der Wickelaufsatz für unsere Hemneskommode und die Wickelunterlage sind noch wie neu. Die Babybadewanne, die Spucktücher und all die anderen Utensilien liegen gut verpackt im Karton auf dem Dachboden.

Der Kinderwagen sieht optisch noch top aus. Lässt sich durch die viele Nutzung in den vergangenen 2,5 Jahren schon schwieriger auf- und zuklappen. Die Schwerfälligkeit ging mir vor ein paar Monaten schon gehörig auf den Keks. Mal eben schnell ins Auto rein ging nicht.

Wenn ich von den Schwierigkeiten mit dem Kinderwagen erzähle, reagiert die Familie, einschließlich Chris, mit Unverständnis. Der war doch so teuer (Mittelfeld würde ich jetzt mal behaupten). Und die Babywanne hätte ich ja so gut wie nie gebraucht, weil ich Lotte ja meistens getragen habe.

Du brauchst es doch nicht mehr

„Naja, und ’nen neuen Hochstuhl brauchen wir. Ich möchte unbedingt für das Baby wieder den Newborn-Aufsatz nutzen. Ich fand es so toll, dass Lotte so von Anfang an mit uns am Tisch sitzen konnte!“ rechtfertige ich mich vor meiner Mum.
Sie blickt auf Lottes Hochstuhl und sagt: „Naja, oder Lotte bekommt eine Sitzerhöhung für die normalen Stühle und das Baby kann Lottes Hochstuhl nutzen!“ Mir krampft sich der Magen zusammen. Bestimmt nicht!

Vor ein paar Tagen dann sitze ich kniend vor Lottes Schrank und sortiere ihre frischgewaschene Wäsche ein. Mit einem Mal schiebt sich ein kleines Händchen in das unterste Fach und zieht eine Babydecke aus dem Regalfach. Lotte bindet sie sich um die Schultern und läuft mit ihrem neuen Cape durch das Kinderzimmer. Ich lächle und räume weiter die Wäsche in den Schrank. Als ich damit fertig bin, hebe ich die Babydecke vom Boden auf. Als ich sie wieder an ihren Platz legen möchte, kommt mir mein Tragetuch entgegen.

Diese Erinnerungen gehören nur uns beiden

Ich schaue auf die Babydecke in meiner rechten Hand und lege mir das Tragetuch auf mein linkes Bein. So viele Erinnerungen. Sie war damals so klein und alles war so neu. Die Erfahrungen, die neue Rolle als Mutter und die Babysachen.

Lotte springt mir auf den Schoss und fragt mich, mit dem Finger auf das lange Stück Stoff zeigend, was das sei. Ich erkläre ihr, dass es ein Tragetuch ist. Dass ich sie als Baby darin stundenlang umher getragen habe. Ich drücke sie an mich und erzähle ihr, wie fest wir in diesem Tuch mit einander gekuschelt haben. Kloß im Hals. Das Kind verliert wieder die Aufmerksamkeit und springt von meinem Schoss zu ihren Spielsachen.

Chris steckt seinen Kopf ins Kinderzimmer: „Ah, sortierst du gerade Sachen aus? Gut dass wir das alles aufgehoben haben. Jetzt können wir es bald alles wieder benutzen!“ sagt er zufrieden und in mir splittert gerade eine kleine Ecke Mutterstolz.

Die Thron-Prinzessin und die Bettlerin

Als ich zum ersten Mal schwanger war, kaufte ich mit so viel Liebe all die Sachen ein, die wir so dringend dachten zu brauchen brauchten. Wir setzten uns mit Schadstoffen im Kinderwagen wochenlang auseinander und ich verbrauchte etliche Stunden damit, das Babyzimmer einzurichten. Ich wurde ständig mit kleinen Sachen fürs Baby von der Verwandtschaft oder den Freunden überrascht. Wir errichteten einen kleinen Thron für unsere Baby-Prinzessin.

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Und jetzt kommt das zweite Kind. Viele Sorgen kommen gar nicht mehr auf. Wir sind ja jetzt Profis. Besonnen und abwartend. Zu vielen Themen habe ich nun eine Meinung, lasse mich (kaum) mehr verunsichern und eigentlich ereignet sich alles so nebenbei.
Es gibt kein Babyzimmer, das ich einrichten muss. Das Baby schläft, wie Lotte damals auch schon (aber das sagt einem ja vorher niemand) bei uns mit im Bett. Es ist genügend Platz in unserem Leben für ein zweites Kind. Viel brauchen sie ja nicht. Das wissen wir jetzt. Aber müssen wir deshalb so gar keinen Platz schaffen?

Ich möchte meine Tochter nicht vom Thron stoßen. Die Sachen gehören ihr. Es kleben Erinnerungen an diesen Sachen. Erinnerungen die bleiben sollen. Wem gebe ich die Spieluhr in ein paar Jahren als Andenken mit, wenn ich sie beiden Kindern zum Schlafen als Baby ins Bettchen gelegt habe?

Und auf der anderen Seite möchte ich aus dem AprilBaby keinen Bettler machen. Es muss nicht in fleckigen Anziehsachen liegen. Ich möchte keine Bilder sehen, in denen ich mich in 20 Jahren fragen muss, welches Baby denn da wohl gerade in meinem Tragetuch liegt und es nur anhand des Datums auf dem Foto zusammenreimen kann. Hat meine zweite Tochter nicht ein Anrecht darauf, dass wir Sachen genauso liebevoll für sie auswählen, wie für ihre große Schwester?

Kein Kind zweiter Klasse

Ich ernte von vielen im Moment Unverständnis, wenn ich sage, dass ich gern dieses oder jenes neu hätte. Wahrscheinlich schieben sie es auf meinen Nestbautrieb zurück, denken dass ich verschwenderisch oder verwöhnt bin. Aber es ist mir egal und ich werde es durchsetzen. Mein Baby wird kein Kind zweiter Klasse. Und meine größere Tochter muss nicht all ihre Sachen abgeben, um Platz für dieses Baby zu machen.

Gerne ärgere ich mich weiterhin über den blöden Kinderwagen, aber das Tragetuch, die Spieluhr, der Hochstuhl, die ersten Kinderbücher und das liebste Babyspielzeug – sie gehören Lotte. Sie gehören zu ihr und meine Erinnerungen daran auch.

Baby Erstausstattung Trage

Stehe ich mit diesem Gefühl allein da, oder könnt ihr das nachvollziehen? Habt ihr alle Sachen eures ersten Kindes an das Zweite abgegeben? Ich bin gespannt auf eure Meinung?

 

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16 Kommentare

  1. Doch, ich kann mich gut mit diesen Gedanken identifizieren. Bei uns kann es jeden Tag mit Nr.2 losgehen, nach einem Mädchen wirds wohl nun ein Junge. Da wir unser Mädchen nicht sooo extrem mädchenmäßig angezogen haben, brauchen wir auch nicht wirklich viel. Aber das Bedürfnis, süße Sachen für den Boi zu kaufen ist genauso da.
    Bei uns wars so, dass wir bei der Tochter viel geliehen bekamen (auch das Tragetuch) und ich dieses Mal das Bedürfnis nach einem eigenen hatte. Oder ich hätte dieses Mal eben gern einen schwarzen Stokke und nicht den Standardstuhl, auch wenn der soviel billiger (gebraucht) zu bekommen ist.

    • Dann bin ich ja beruhigt. Mir geht es aber auch vor allem um die Sachen die so viele Erinnerungen beherbergen. Warum ist es scheinbar so natürlich für alle, dass sie nun einfach dem zweiten Kind gehören? Man spart schon so viel, da die Erstausstattung schon vorhanden ist, dass man die paar Dinge doch nun wirklich kaufen kann, oder?
      Danke für deinen Kommentar, Judi 😘

  2. Da hat man es als Zwillingsmama leichter. Jeder kriegt was mit. :) Das Zweite ist halt auch das Erste. Und ein drittes nicht geplant.

    Verstehe Dich aber. Mein Bruder dachte bei manchem Spielzeug auch, es wäre seins, allerdings hatte er es nur „aufgetragen“. Er hatte dennoch auch eigenes und später war meines eben meines und er hatte seins. Gab keine Probleme. :)

    • Hihi, ja bei Zwillingen ist das natürlich etwas anderes ;) An diese Konstellation hatte ich noch gar nicht gedacht, liebe Conny. Liebe Grüße und danke für deinen Kommentar

  3. Ich sehe das genauso wie du.💛
    Ich finde auch, dass manche Sachen einfach nur dem einen Kind gehören sollten. So habe ich eine Box gemacht in der Sachen rein kommen, die einfach nur Erinnerungen für ihn sind. 😊

  4. Manchmal finde ich, dass sich Mütter das Leben selbst zu schwer machen.

    Heute hat doch kein Kind nur eine Rassel, nur ein Buch, nur ein dieses oder jenes.
    Das Lieblingsteil kommt in eine Erinnerungskiste, der Rest wird dem zweiten Kind angeboten, notfalls wird nachgekauft, wenn das Lieblingsteil des ersten Kindes das Nonplusultra war. „Prinzessin und Bettlerin“ finde ich in diesem Zusammenhand sehr übertrieben. Mein erster Sohn beschwerte sich auch nicht über Second-Hand-Spielzeug, solange es interessant war. Mein zweiter Sohn muss sich nun also sogar mit Third-Hand-Spielzeug zufrieden geben.

    Ein Tragetuch wäre für mich kein Erinnerungsstück, das ich nur einem Kind vorbehalte. Die Erinnerungen tragen wir im Herzen, sie haften nicht an den Gegenständen.

    Ich finde, du machst dich viel zu abhängig von der Meinung deines Umfeldes. Es gibt zu viele Menschen auf der Welt, als das man es allen recht machen könnte. Für die Kinder finde ich das schwierig. Du lebst ihnen vor, dass die Meinungen anderer (auch über sie) wichtig seien. Das sind sie aber nicht.
    Wenn du entschieden hast, es gibt einen 2. Hochstuhl, dann ist das eben so.

    Viele Mütter haben das Gefühl, dass weitere Schwangerschaften/ Kinder im Umfeld nicht mehr so interessiert angenommen werden. Vielleicht steckt das bei dir dahinter?
    Ich kann nur sagen, dass auch mein 4. Kind jetzt für mich das einzigartigste und tollste Geschöpf Gottes ist. Ich wünschte, jedes Kind könnte so empfunden werden, wenigstens von Mama.

    Ob dein Zweitgeborenes nun also ein Kind zweiter Klasse wird (was ja die Ausgangsfrage war), hängt wesentlich mehr von deinem Gefühl und deinem Umgang ab als davon, wie viele seine Lieblingsrassel vor ihm besabbert haben.

    LG

  5. Ich verstehe deine Gedanken nicht. Das große Geschwisterchen verliert nicht den Thron, weil es die Babydecke(die Decke als Beispiel) an das Geschwisterbaby abgibt. Ich habe meinen Kindern immer gesagt, dass ich sie genauso warm und lieb in der Decke eingewickelt und gekuschelt habe. Alle haben das gleiche Gefühl von mir bekommen. Und Teilen und Weitergeben gehört auch zu Familiesein. Liebe und Zusammengehörigkeit sind meiner Meinung nichts was Materiel gebunden sein sollte. Und hier und da gibt es auch bei den zweiten und dritten Kindern Dinge die man neu kaufen kann/muss. Wenn die jüngeren Kinder älter werden entwickeln sie eigene Wünsche und dann merken und freuen sie sich über extra für sie besorgte Sachen. Aber so lange sie so klein sind….was oll ist oder sich als unpraktisch erwiesen hat austauschen ist ok. Aber alles andere..?
    Allein ICH hatte Lust neue Sachen zu kaufen, weil es so suße Sachen gibt. Aber ich hab s mir verkniffen. Und die Kinder haben kein Gefühl von zweiter und dritter Klasse. Obwohl die Mädels zum Teil die Sachen vom großen Bruder auftragen.

    Ich denke, dass sind die Mama-Hormone, die dich da ein bisschen weichspühlen und durxheinander wirbeln.. :-) Das kennt wohl jede Mama.

  6. Verstehe dich total! Mein Mann konnte das auch nicht nachvollziehen, für ihn ist das Geldrausschmiss. Aber bei uns ist es dazu Junge & Mädchen und ein paar Mädchensachen durften es ja auch mal sein :D

  7. Liebe Sarah, es ist wirklich so! Unser Keller ist genau deswegen voll mit Baby- und Kindersachen. Für mich sind das kostbare Erinnerungen, die ich nicht weggeben kann/will…
    Da unser zweites Kind ein Junge ist, konnte er sowieso nichts von seiner größeren Schwester tragen. Aber auf ihre Spielsachen freut er sich auch heute noch ;-)

  8. Da wir sooo viel weggegeben haben, würde das hier kaum aufkommen. Ich hab das aber auch gerne gemacht. Also die Sachen wieder abgegeben. Denn sie haben die Aufgabe für Babys da zus ein und nicht auf dem Dachboden zu warten…

    Aber im Ernst, warum sollte man für ein zweites Kind nicht auch shoppen dürfen. Auch mehr als man pragmatisch „braucht“. Also mehr wie nur einen zweiten Hochstuhl. Sondern eben auch einen tollen Rock oder nen schönes anderes Teil.

    Lass Dich nicht verunsichern – DU DARFST WAS DU MÖCHTEST!

    Kisses
    JesS

  9. Mh, also so Kleinigkeiten wie die Spieluhr verstehe ich auch. Allerdings lass dir sagen, die fliegen jetzt hier rum und keiner weiß mehr, wem mal welche gehört hat ;-) Aber bei allen anderen Sachen bin ich doch sehr pragmatisch. Was noch tragbar und benutzbar ist, wird weitergegeben. LG, Christiane

  10. Ich hatte das „Glück“ dass ich die meisten Sachen von Sonea damals wieder zurück geben musste, weil meine Freundin, die mir ihre Babysachen geliehen hatte, zeitgleich mit dem zweiten Kind schwanger wurde.

    Ich habe mich gefreut so richtig ausgiebig shoppen zu gehen und zwar so wie mir die Sachen gefielen. Und dank des anderen Geschlechts redete mir da auch niemand blöd rein.

    Bei Sonea hieß es damals nämlich immer „Kauf das jetzt nicht, sowas bekommst Du doch geschenkt!“. Kauf keine Kleidung, kauf das nicht. Einen Strampler habe ich geschenkt bekommen (den ich so niemals gekauft hätte) und ansonsten 5 Schnuffeltücher und 5 Spieluhren, die allesamt die gleiche Melodie spielten. Soviel dazu :)

    Ärgere Dich und hör auf Dein Herz und auf Dein Bauch.

  11. Und auf der anderen Seite möchte ich aus dem AprilBaby keinen Bettler machen. Es muss nicht in fleckigen Anziehsachen liegen.

    Über diesen Satz musste ich schmunzeln ;)

    Wir haben nur den Babyboy… aber ich bin mir sicher, dass wir – sollte es tatsächlich doch irgendwann noch einmal soweit sein… ich hier und da auch wieder einkaufen werde! :) Gerade, was einen Hochstuhl angeht – der ist ja schließlich gemacht, um lange zu begleiten… und dazu gibt’s immer genug Besuchskinder, die sich auch freuen, vernünftig zu sitzen :)

  12. Darüber musste ich auch schon oft nachdenken! Ich hab ja auch 2 Mädels und viele „abgelegte“ Sachen bekommt halt die kleine Schwester. Zum Glück ist sie aber sehr genügsam und freut sich auch über die alten Sachen. Aber man sollte hier natürlich unbedingt die Waage halten!

  13. Liebe Sarah,
    ich finde es wichtig, dass jeder seinen Weg geht.
    Und ich habe beim Mädchen natürlich neues gekauft. Nun sitze ich hier und weiß nicht wohin damit, aber gut – es musste eben sein. Jedem das seine!
    Und wenn manche Menschen, das nicht machen – umso besser! Mir würde es nie einfallen andere für ihre Art zu kritisieren, aber gut. So sind sie eben, die Menschen. Verrückt! Hihi

    Deine Alina

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