Eifersüchtig aufs Baby – eine Entthronungs-Geschichte

Wenn ich heute die Augen schließe, dann sehe ich mich immer noch dort stehen. Das schlauchförmige Zimmer ist dunkel. Nur ein Lichtkegel von der Straßenlaterne vor dem Fenster macht, dass ich zumindest ein paar Zentimeter Sichtfeld habe. Im Schlafanzug stehe ich barfüßig auf dem kurzflorigen Teppich. Ich blicke zur Zimmertür. Durch das Glas in der Mitte der Tür scheint warmes, flackerndes Licht. Im Wohnzimmer wird also noch ferngesehen. Ich weiß, dass ich gar nicht mehr aus dem Bett aufstehen sollte. Werde ich erwischt, gibt es sicher Ärger.

Ich stehe an dem Kinderbettchen. Mein Blick fällt auf das Baby das darin liegt. Mein Herz wird schwer. Süß ist er ja, aber er nervt auch. Hauptsächlich nervt er. Er ist laut und schreit Abend für Abend. Und seitdem er da ist, ist alles ganz anders. Er soll einfach wieder weggehen.

Und dann stehe ich an seinem Bettchen und drücke mit meinem Zeigefinger auf seinen Bauch. Erst leicht und dann immer fester, denn ich merke, sonst wird er nicht wach. Na endlich – er heult. Ich renne schnell zu meinem Bett, husche unter die Bettdecke und bebe am ganzen Körper vor Aufregung. Wenn er jetzt wieder heult, bringen Sie ihn sicher wieder weg. Dahin, wo er her kam. Weil sie merken dass er nervt. So wie er mich nervt.

Natürlich kommt meine Mutter ins Zimmer und nimmt meinen Bruder hoch. Ich blinzele vorsichtig zwischen den Augenlidern, denn ich tue ja so, als würde ich schlafen. Als ich jedoch sehe, dass sie ihn wiegt und beruhigt, ist das Gefühl schlimmer als vorher zu spüren. Ich bin so eifersüchtig! Warum bringen sie ihn nicht einfach wieder weg?

Ihre Welt steht Kopf

Eifersüchtig aufs Baby Entthronung

Seit drei Wochen sind wir nun zu viert. Und seit drei Wochen suche ich händeringend nach Worten, die das Auf und Ab hier beschreiben. Ich suche nach Worten, die Lotte scheinbar fehlen. Und ich versuche die Gefühle zu filtern, die hier im Raum schweben und die gleichzeitig wie eine Bombe einschlagen können. Wenn das passiert, dann reißen sie uns alle mit und hinterlassen Chaos, Hilflosigkeit und nicht selten angeschwollene Augen. Lottes Welt steht Kopf und ich bin Schuld daran. 

Heute, 3 Wochen später, werte ich ihren Gesichtsausdruck ganz anders, als in der Situation selbst. Sie kam mit ihrem Papa in den Kreißsaal und setzte sich zögernd auf das Bett. Ich gab das Baby an ihren Papa und lud sie ein, näher zu mir zu kommen, damit wir uns begrüßen konnten. Eine leichte Umarmung und ein flüchtiger Kuss folgten. Sie blickte durch den Raum. Ganz vorsichtig. Ich dachte sie wäre ganz bedächtig. Heute sage ich, sie war unsicher und in sich gekehrt.

Sie schaute ihre Schwester an. Wollte sie streicheln und im Arm halten. Keine Berührungsängste. Ich war so erleichtert – kein Drama, kein Weinen.
Als nächstes fragte sie nach meinem Bauch. Ich musste ihr zeigen, dass er nicht mehr da war. Erklärte ihr wieso und weshalb, aber sie war schon wieder ganz woanders. Schaute sich die Bilder an der Wand im Kreißsaal an. Schnell verlor sie das Interesse. Wollte zu Oma und Opa vor die Tür.

Ich blieb einen Tag und zwei Nächte im Krankenhaus. Sie ließ sich von Papa toll ins Bett bringen. Erzählte tagsüber von ihrer Schwester, fragte aber kaum nach mir. Als sie mich freitags besuchen konnte, hatte sie es nicht eilig zu mir zu kommen. Eine halbe Stunde im Krankenhaus reichte ihr und schon fuhr sie mit ihrem Papa wieder nach Hause.

Der Spiegel ihrer Seele

Eifersüchtig aufs Baby Entthronung

Als ich dann Samstagmittag das Baby ins Haus brachte, präsentierte sie mir stolz, wie toll die Omas doch das Wohnzimmer geschmückt hatten. Sie rannte nicht in meine Arme, wie sonst üblich. Dafür rannte sie den lieben langen Tag durchs Haus. Unstrukturiert, überdreht und laut.

Am Abend dann der Supergau: Geschrei beim Zubettgehen, in einer Oktave die ich noch nie zuvor gehört habe. Sie spuckte, trat um sich und bei mir brachen die Dämme. Ich erkannte mein Kind nicht mehr. Ich hatte das Gefühl, es mit dem Hereintragen der Babyschale, kaputt gemacht zu haben.

Die nächsten Tage wurden nicht besser. Wir sagten jeden Besuch ab, um alle weiteren Störungen auszuschließen. Um Ruhe einkehren lassen zu können.

Ruhe gab es allerdings absolut nicht. Lotte taumelte wie betrunken unkoordiniert, als hätte sie kein Körpergefühl mehr. Sie steigerte sich von einer Verweigerung in die Nächste. Sie tobte und schrie. Mal hysterisch, hilfesuchend, mal mitleidig. Bei jeder Kleinigkeit, so schien es.

Sie spielte nicht mehr, sondern verwüstete nur noch. Das Beobachten meiner Tochter brach mir wirklich das Herz. Das Chaos, dass sie veranstaltete, schien der Spiegel ihrer kleinen Gefühlswelt zu sein.

Meine ausgeglichene, fröhlich singende, selbstbewusste und kreative Tochter mutierte zu einem tyrannischen Kleinkind, das aggressiv und zerstörerisch wurde. Lotte erinnerte mich an die vielen ADHS Kinder, mit denen ich gearbeitet hatte: unstrukturiert, ohne Konzentration und kaum Verbindung zur Gefühlswelt. Sie lachte ohne Freude. Sie weinte ohne Tränen. Alles was sie machte, wirkte extrem.

Mama, du bist Schuld!

Nach einer Woche wurde es dann etwas besser. Dafür war sie in vielen Situationen wieder die Kleine: Füttern lassen, auf dem Arm tragen lassen und ganz viel um Hilfe bitten.
Die Eifersucht kam mehr und mehr durch. Hatte der Papa das Baby auf dem Arm, musste Lotte ebenfalls getragen werden. Wurde ihre Schwester gestillt, so brauchte sie auch unverzüglich Körperkontakt.

Sie kuschelte und knuddelte, küsste und streichelte ihre kleine Schwester. Sie spielte wieder mit ihren Figuren und tauchte in ihre Phantasiewelt ein. Sie konnte mit ihrem Papa Spaß haben und lachen. Nur mich schloss sie weiterhin aus.

Ich spürte von Tag zu Tag eine immer größer werdende Distanz zwischen uns. Sie war wütend auf mich. Sie schenkte mir böse Blicke, ignorierte mich und in Wutanfällen schob sie mich mit all ihrer Kraft zur Seite.
Ich war da. Ich benannte ihre Gefühle. Ich sagte ihr dass ich sie liebe. Ich bot mich an – immer wieder. Um nicht gefühlsmäßig völlig unterzugehen, musste ich mir oft sagen, dass es bald besser werden würde.
In Gedanken musste ich mein kompetentes Kind loben, dass es schaffte mich auf ihre Probleme aufmerksam zu machen, in dem sie so war wie sie war. Tat ich es mal nicht, litt ich still in mich hinein. Ich fühlte dann genau das, was ich ihrer Meinung nach fühlen sollte: Schuldgefühl, Mitgefühl und Trauer über unsere veränderte Beziehung.

Und ich verstehe sie so gut. Durch ihre Gefühle fühlte ich mich zurückversetzt in die Zeit, als ich Mama und Papa plötzlich teilen musste. Ich weiß, welche Qualen sie leidet und ich weiß: es ist ein Prozess und nichts, was sich durch einen bestimmten Trick von jetzt auf gleich ändern lässt. Es ist ihre erste, wichtige Lebensprüfung. Die ich zwar begleiten kann, durch die sie jedoch selbst herausfinden muss. 

Heute nach 3 Wochen ist der Sturm immer noch nicht vorbei. Aber es sind eher Windböen geworden. Sie ziehen auf und vergehen auch wieder. Geblieben ist aber eine Veränderung.

Mein kleines Mädchen ist auf einmal groß. Ich habe das Gefühl die neue Situation hat sie noch einmal tiefer in den Gefühls-Sog der Autonomiephase herein gezogen. Fast so, als wäre es zum Einen ihr Ventil, um ihrem Frust Luft zu machen. Und zum Anderen, als müsse sie sich nun noch stärker beweisen, dass sie uns nicht mehr zum überleben braucht. Die Verweigerung ist ihr genauso wichtig geworden, wie die Betonung, dass sie nun ein großes Mädchen sei (obwohl wir das nie so benannt haben).

Wir müssen loslassen

Auf der anderen Seite ist da meine Veränderung. Ich bin nicht mehr nur Lottes Mama. Ich bin eine zweifach-Mama. Eine Mama die jetzt, ohne Babybauch, wieder spazieren gehen, tanzen und hüpfen kann. Aber auch eine Mama die nicht mehr Non-Stop Aufmerksamkeit für nur ein Kind hat.

Alina von Liebling, ich blogge jetzt hat mal etwas in der Art geschrieben: „Natürlich liebt man das zweite Kind. Und die Liebe zum Ersten wird dadurch nicht weniger – das Herz wird nur größer!“

Ja das kann ich so unterschreiben. Was mir allerdings fehlt ist der Fakt, dass die Umbauarbeiten an dem Herzensgerüst nicht spurlos vorbei ziehen. Lotte und ich, wir mussten uns erst ein wenig von einander lösen, damit der Ausbau des Herzens passieren konnte.

Sie wurde und hat sich selbst von dem Thron auf dem sie in meinem Herzen saß, heruntergeholt, sodass sie nun auf gleicher Höhe mit ihrer Schwester mein Herz regieren kann.

Eifersüchtig auf das Baby Entthronung

Ich möchte euch allen, die vielleicht in der gleichen Phase sind oder vielleicht noch kommen werden den Artikel vom gewünschtesten Wunschkind ans Herz legen, der sich mit der Entthronung des Erstgeborenen befasst. Liebe Danielle, liebe Snowqueen – ihr habt es geschafft mich in diesem Gefühlschaos wieder etwas zu erden und mich auf die positiven Seiten konzentrieren lassen. Danke dafür!
Familienleben wenn Geschwister eifersüchtig auf das neue Baby sind

Ähnliche Artikel

3 Kommentare

  1. Ich kann es dir sehr gut nachfühlen. Bei uns ist der Prozess noch nicht ganz abgeschlossen, unser zweiter Sohn ist jetzt drei Monate alt. Ich hätte auch nicht erwartet, dass es mich so umhaut wenn aus dreien vier werden. Schöner Text!

  2. Toll geschrieben, wir erleben gerade das selbe.
    Unser Sohn ist jetzt 3 Jahre alt und die kleine Schwester 12 Wochen.
    Ich hatte mich schon gewundert das mein Sohn den Frust an mir auslässt, bin froh zu wissen das es auch anderen auch so geht.

    • Das ist eine anstrengende Zeit, aber es wird sicher bald besser. Ich wünsche euch viel Kraft. Liebe Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.